Mit 30 Jahren wurde Düsseldorf zu meiner neuen Wahlheimat. Im WP8, einer Künstlerkaschemme am Hauptbahnhof traf ich Ute Janssen, eine progressive und im Rückblick definitiv avantgardistische Künstlerin, die schon 1995 mit digitalen Medien experimentierte. In diesem Jahr lernte ich auch Reinhard Mucha kennen. Ute führte mich in die Düsseldorfer Kunstszene ein und wir machten alle Begegnungen zu Kunst und alle Menschen zu Co-Künstlern.
Da hatte ich ihn ja gefunden – den Spirit von Beuys, dem ich nach Düsseldorf gefolgt war. Mit Ute arbeitete ich unter unserem Label DoppelherzProjects drei Jahre an digitalen und interaktiven Video- und Computerproduktionen. Es war eine richtig spannende Phase in unserem Künstlerinnenleben. Und .. wir haben sehr viel gelacht!
Wir postulierten: „Die Künstlerinnen Ute Janssen und Barbara Meisner erzählen in kurzen Episoden vom Leben. Ihr Stil ist collagenhaft-dokumentarisch, ironisch-gebrochen, märchenhaft-visionär und surreal. Allen Beteiligten wird angeboten, gleichzeitig Autor und Mitspieler zu sein, die ihre Rollen selber erfinden und inszenieren können.
Die Zusammenarbeit entwickelt sich auf diese Weise prozesshaft-dynamisch. Die Beziehungen der Figuren sind vielfältig und offen. Ein Leitmotiv sind Begegnungen, Leitsymbole sind das Herz, der Vogel, die Brücke. Wir suchen dafür vor allem Power-Places. Videoskizzen entstehen im Sinne
einer multiplen Autorenschaft. Alles wird als ein ’stream of consciousness‘ gefilmt und das vor Ort entstandene Videorohmaterial wird zum Teil unverändert in das Endprodukt hineingemischt.“
Es entstanden 1994/95 kurze Doppelherz-Filmskizzen mit Titeln wie Die Superharten, Jungfrau Maria auf dem Trimm-dich-Pfad, Methadon-Engel, Radio Vatikan, It’s a man’s world – Odysseus am Baggerloch, Michael Jackson in Garath, Verfassungsschutz-Video-Engel, Spendenaufruf der Nixe auf dem Neptunbrunnen, Königsallee Düsseldorf, Medienkranker Engel beim Psychiater-DJ, Feldenkrais-Domina, Glück auf – Der Barbara-Song auf Zeche Auguste Victoria Marl, Trauermesserin in Eppinghoven, Neuss, Sirene am Duisburger Ruhrort.
Ist alles wahr?
1995 fand die legendäre Ausstellung Es ist alles wahr in der Galerie Fricke in Düsseldorf statt. Der prophetische Titel befragte damals – im beginnenden digitalen Medienzeitalter – bereits die Wirklichkeit.
Ute Janssen war die Kuratorin und erstellte ein innovatives Konzept der Synchronizität durch Übertragung des Geschehens vom Keller in die Erdgeschossräume der Galerie und vice-versa mittels Videoprojektoren. Das war damals sehr aufwendig und teuer, wir mussten wochenlang vorbereiten, aber schließlich wurde es ein voller Erfolg!
Sie lud circa 20 Künstler/Personen ein, die alle gleichzeitig ausstellten bzw performten. Den Auftakt machte ein fränkischer Cowboy, der mit einem Pferd bis zur Galerie ritt. Im Keller atmete mein großer orangefarbener Wunderbaum vor einem silbrig schimmernden Anthrazitkohleberg während ich von zwei Profifrauen zur Domina gestylt wurde. Die Callas sang vom Band und Robert Görl lieferte via live-Schalte seine Technobeats ohne selbst anwesend zu sein. Heute kein Ding, damals schon…
Rheintöchter
Katlen Hewel kam mit 19 Jahren in meine WG. Sie studierte später Fotografie an der Kunstakademie bei Bechers und Thomas Ruff. Mit ihr stellte ich 1998 im Duisburger Hundertmeister aus, wo Zappo Jörg Zboralski die mini-Galerie machte.
Aufgrund unserer Einladungskarte Rheintöchter kamen überraschend viele Journalisten zur Eröffnung und Katlens Diaprojektionen auf Frauenkörper sowie meine beleuchteten Aquarien-Miniaturcontainerschiffe, in denen sich Nixenhaar sanft im Wasser wiegte, wurden gefeiert.